"Hinter jeder Fläche auf der Karte steht eine Geschichte."

Zwei Familien, eine gemeinsame Geschichte

Manchmal beginnt Heimat nicht dort, wo man geboren wird, sondern dort, wo man sein Leben mit anderen teilt.

Unsere Geschichte ist die Geschichte zweier Familien, die durch die Liebe zueinandergefunden haben und in Krummendorf zu einer großen Gemeinschaft zusammengewachsen sind.

Die Wurzeln der einen Familie reichen weit zurück. Schon die Großeltern mussten ihre Hofstelle in Petersdorf verlassen, weil dort der Rostocker Überseehafen entstand. Sie verloren ihre Heimat und fanden nur deshalb ein neues Zuhause, weil die Familie in Krummendorf zusammenrückte. Mehrere Generationen lebten gemeinsam unter einem Dach. Was damals aus der Not entstand, wurde über viele Jahrzehnte zu einer besonderen Stärke: eine Familie, in der Zusammenhalt selbstverständlich war.

Viele Jahre später lernte ein junger Mann ihre Tochter kennen. Mit ihr heiratete er nicht nur seine große Liebe, sondern auch eine Familie, die ihn vom ersten Tag an aufnahm. Nach seiner Ausbildung im Rostocker Überseehafen und einigen Berufsjahren während der Wende führte der Weg das junge Paar zunächst weg aus Rostock. Doch nach der Geburt ihrer Tochter stand fest: Sie wollten zurück nach Mecklenburg – zurück nach Krummendorf.

Auf dem Hof der Familie fanden sie genau das, was sie sich für ihre Tochter wünschten: ein Zuhause voller Leben.

Hier wuchs sie mit ihren Großeltern und Großonkeln auf. Sie fuhr Trecker über den Hof, lernte von den Älteren und war nie allein. Wenn ihre Eltern arbeiten mussten oder Termine hatten, war immer jemand da. Hilfe musste nicht organisiert werden – sie war selbstverständlich.

Auch der junge Mann fand hier mehr als ein Zuhause. Von seinem Schwiegervater und den Onkeln lernte er handwerkliches Können, den Umgang mit Maschinen und die Arbeit auf dem Hof. Noch wertvoller waren jedoch die Dinge, die man nicht in Büchern lernt: Verantwortung füreinander, gegenseitige Unterstützung und das Vertrauen, dass niemand allein gelassen wird.

Diese Haltung prägte nicht nur die Familie, sondern auch die Nachbarschaft. Gemeinsam wurde gebaut und modernisiert, Hecken und Bäume beschnitten, Feste gefeiert und schwierige Zeiten gemeistert. Aus Nachbarn wurden Freunde – oft über Generationen hinweg.

Der Rostocker Hafen gehörte dabei immer zur Geschichte der Familien. Mehrere Familienmitglieder arbeiteten dort, der Schwiegersohn erlernte dort seinen Beruf, und der Hafen sicherte über viele Jahre den Lebensunterhalt. Gleichzeitig war der Hafen aber auch immer mit persönlichen Opfern verbunden.

Bereits zu DDR-Zeiten musste ein Teil des Familienhofes an den Hafen abgegeben werden. Viele Jahre später gelang es der Familie, dieses Grundstück zurückzukaufen. Der Hof war wieder vollständig – ein Stück zurückgewonnene Familiengeschichte.

Heute soll genau dieser Hof erneut der Hafenerweiterung weichen.

Für viele Menschen mag das nur ein Punkt auf einer Karte sein.

Für diese Familie bedeutet es den möglichen Verlust eines Ortes, an dem Erinnerungen von Generationen entstanden sind. Es bedeutet den Verlust eines Zuhauses, in dem Wissen, Werte und Verantwortung weitergegeben wurden. Und es bedeutet den Verlust einer Gemeinschaft, die über Jahrzehnte gewachsen ist und sich nicht an einem anderen Ort neu errichten lässt.

Diese Geschichte steht stellvertretend für viele Familien in Krummendorf. Jede von ihnen ist anders. Und doch haben sie eines gemeinsam: Hinter jedem Haus, jedem Hof und jedem Grundstück stehen Menschen, Erinnerungen und eine Heimat, die weit mehr ist als ein Ort zum Wohnen.

 

Anja Schröter

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